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Die Lachpuppe


Es war einmal ein Mädchen, das hieß Helma und lebte mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder in einem winzigen Dorf in Schleswig-Holstein, wenige Kilometer vom Strand der Ostsee entfernt.
Der Krieg war längst vorbei. Dennoch gab es nicht alles, was sich Kinder wünschten, zu kaufen; und das meiste war einfach zu teuer.

Helma hatte eigentlich nur zwei Wünsche:
Als erstes wünschte sie sich eine große Tüte voll mit  bunten Geleescheiben, in Zucker gewälzt. Diese Köstlichkeit gab es in einem Süßwaren-Laden in Timmendorferstrand, an dem sie regelmäßig  vorbei liefen, wenn Helma die Mutter zum Arzt oder Friseur begleiten durfte.
Jedesmal blieb sie mit blanken Augen vor dem Schaufenster stehen und wäre zu gern in den Laden gegangen. Doch die Mutter zog sie ungeduldig am Ärmel und sagte: "Komm, lass uns gehen! Zu Hause haben wir richtiges Obst!"

Helmas zweiter Wunsch wog schwerer: Eine Puppe.
In den Wochen vor Weihnachten träumte sie von einem roten Backsteinhaus. Links und rechts der geräumigen  Diele standen und saßen sie - blonde oder dunkelhaarige Wesen mit Schlafaugen und kostbaren Kleidchen. Andere räkelten sich in seidigen Kissen und herrlichen Puppenwagen.
So abwegig dieser Traum schien - dieses Puppenhaus gab es wirklich. Es stand mitten im Dorf, an dem Weg, den die Kinder Tag für Tag zur Schule gingen. Die Frau, die in dem Haus wohnte, hatte Helma und ihre Mutter eines Tages zu sich eingeladen und ihnen stolz die Puppen-Sammlung ihrer Tochter gezeigt.
Diese Tochter war inzwischen erwachsen und "aus dem Haus". Mit Puppen spielte sie nicht mehr. Doch die Mutter war so stolz auf die Sammlung und ließ sie gern von Besuchern bewundern. Um keinen Preis der Welt wollte sie sich von diesen Schönheiten trennen.

Für ein kleines Mädchen wie Helma war dieser Besuch ein Grund zur Traurigkeit. Da hütete eine erwachsene Frau ein ganzes Haus voller Puppen - und sie besaß nicht eine einzige.
Nachts lag sie wach und grübelte, wie sie wenigstens eine der Babypuppen entführen könne. Sie malte sich aus, wie sie die Straße hinab laufen würde, durch das nächtliche Dorf, bis zu dem Puppenhaus. Vielleicht stünde die Haustür weit offen und man erwartete sie schon.
Aus dem Plan wurde nichts. Sie hatte Angst, am Abend allein durch das unbeleuchtete Dorf  zu gehen. 

So richtig schön träumen ließ es sich über dem Familienalbum. Dort gab es das Foto eines  Mädchens, ungefähr in Helmas Alter, mit einem Puppenwagen. Im Arm hielt dieses Mädchen - sie hieß Erika und war eine Cousine der Mutter - eine wunderschöne, schwarzhaarige Puppe.
Vor vielen Jahren hatte Erikas Mutter versprochen: "Wenn Erika einmal erwachsen ist, schicke ich Dir die Puppe für Deine Tochter!"
Und als Beweis hatte sie das Foto beigelegt.

Vielleicht mochte sich die Tante auch nicht von der Puppe trennen, oder sie hatte ihr Versprechen einfach vergessen - jedenfalls nahm die Geschichte kein gutes Ende:  Die Puppe verbrannte in ihrem  Puppenwagen bei einem Großbrand in  Hamburg.
An diesem Foto konnte sich Helma nie satt sehen. Sie malte sich immer wieder aus, was für eine glückliche Zeit sie mit dieser Puppe haben könnte, wenn die Tante nicht so vergesslich gewesen wäre - wenn keine Feuer ausgebrochen wäre...

An einem Sonntag im Advent entdeckte Helma auf dem Weihnachtsmarkt in Scharbeutz einige Puppen.
"Du hast mir erzählt, es gäbe keine zu kaufen!",  warf sie ihrer Mutter vor.
Sie verließ den Markt mit wundem Herzen und einer kleinen, blanken Bratpfanne für eine Mark.
"Das ist auch genug Geld!", sagte der Vater und sorgte wie immer dafür, dass der jüngere Bruder das gleiche Spielzeug bekam, da er alles haben musste, was die Schwester besaß.

Am Heiligabend lag dann wahrhaftig eine Puppe unter dem Tannenbaum. Eine wieder aufgearbeitete, mit Lederbalg, schwarzen, langen Haaren und einem lachenden Gesicht.  Helma war selig. Nur dem kleinen Bruder gefiel es gar nicht, dass seine Schwester eine "Lachpuppe" haben sollte und er nicht.
 "Lass sie ihn doch auch mal halten!", mahnte die Mutter. "Du bist doch die Ältere und Vernünftigere!"
Das sah Helma nicht ein. Sie wollte ihr lang ersehntes Spielzeug für sich haben. Es entstand ein Gerangel, und die Puppe fiel zu  Boden. Von dem Porzellankopf blieben nur Scherben übrig. Das war nun die gerechte Strafe dafür, dass sie ihrem Bruder nichts gönnte!

Ein Jahr später erhielt sie zu Weihnachten eine Schildkrötpuppe aus Zelluloid. Die Haare waren nur aufgemalt und nicht zum Kämmen geeignet. Sie trug auch keine hübschen Kleidchen und fror entsetzlich.
"Kleider kannst du ihr selber nähen," meinte die Mutter. "Dazu bist du schließlich alt genug..."

Helma häkelte ihrem Puppenkind Kleider, Schuhe, Mützen - aber die rechte Freude hatte sie nicht daran.
Sie trauerte ihrer "Lachpuppe" nach, wie sie der kleine Bruder genannt hatte.

© Karin Rohner 1989/2005



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1. Marienkirche zu Lübeck - 2. Die Lachpuppe - 3. Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann - 4. Staubfänger - 5. Der Geist der vergangenen Weihnacht - 6. Die kleine Wasserfrau - 7. Winterherz - 8. Schokolade - 9. Evangelium - 10. Aachener Printen - 11. Rezept für Heiligabend - 12. Weihnachten steht vor der Tür



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