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"Ich will Weihnachten ehren in meinem Herzen und versuchen, es alle Jahre würdig zu begehen. Ich will leben in der Vergangneheit, in der Gegenwart und in der Zukunft. Alle diese drei Geister sollen in meinem Innern lebendig sein, und ich will mich nicht verhärten gegen die Lehre, die sie mir erteilt haben..."
                    ...aus  Charles Dickens - Der Weihnachtsabend


I.  Der Geist der vergangenen Weihnacht

Bei Charles Dickens genießt er noch einen bühnenreifen Auftritt. Zwar nicht mit Blitz und Donner - und der Rauch, den er bei seinem Erscheinen entwickelt, hält sich auch in Grenzen - er steigt ganz einfach durch die Wand und zieht den Vorhang des Alkovens, in dem er von Scrooge erwartet wird, zur Seite.

Sein funkelnder Gürtel hält seine Ungestalt nicht zusammen, sondern gestattet es ihm, sich in Form und Erscheinung fließend zu verändern. Das Auffälligste an ihm ist sein Scheitel, der ein klares Licht ausströmt.  In dunklen Momenten hält er sich ein großes Löschhorn über den Kopf. Dieses Gerät wird ihm zum Verhängnis. Denn als Scrooge es nicht länger ertragen kann, seiner Vergangenheit ins Auge zu blicken, stülpt er dem Verhassten das Horn über die blinkende Stirn und drückt es so lange zu Boden, bis das Licht des Geistes der vergangenen Weihnacht verlischt.
Nun kann man einen Geist, indem man ihm das Licht löscht, zwar vorübergehend unsichtbar machen - gestorben ist er damit nicht.

Abseits der Hektik der Fußgängerzone, im Schatten des Marienkirchhofs, hockt er auf einem Granitblock der Geist der vergangenen Weihnacht. Sein roter Mantel ist ihm längst entwachsen, und an Stelle des
Löschhorns trägt er einen verbeulten Regenhut.
Der scharfe Ostwind trägt den schweren Duft von Lebkuchen und gebrannten Mandeln herüber.  Zwanzig Schritte weiter kreist und dudelt ein Kinder-Karussell. Die Stimme des Ausrufers hallt über den Platz:
"Steigt nur ein, ihr Kinder! Gleich geht es wieder rund. Mama zahlt!" Gelächter.
"Stille Nacht, heilige Nacht..." klingt es über Dächer
hinweg, unterbrochen von Latein-Amerikanischen Rhythmen.
Jeweils zur vollen Stunde, wenn das Glockenspiel von Sankt Marien die erste Strophe eines weihnachtlichen Chorals gegen die Geräuschkulisse wirft, hebt der Geist der vergangenen Weihnacht den Kopf und schaut unter seiner Hutkrempe hervor gen Himmel. Schatten des Erinnerns huschen über sein Gesicht.
"Da war doch früher mal irgendetwas..."
Hin und wieder hastet ein Mensch an ihm vorüber, nicht ahnend, dass hier kein gewöhnlicher Bettler, sondern ein Auserwählter sitzt.
Vom Weihnachtstrubel zermürbt, wirft er ein paar Münzen zwischen die Füße des alten Mannes. Der hebt die linke Hand zu einer dankenden Gebärde, um sie schnell wieder in der Weite seines Mantels zu verbergen.


II.  Der Geist der heutigen Weihnacht

Der Geist der heutigen Weihnacht tritt selbstbewusst in der Öffentlichkeit auf . Modisch gekleidet, braucht er sich nicht zu verstecken. Er nimmt jedes Jahr ein paar Kilo zu, ist überall beliebt - und berühmt für seine  Geschäftstüchtigkeit. Stündlich sind seine Helfer im Einsatz , treiben Miete, Pacht und Zins ein auf den gut besuchten Straßen und Plätzen der Stadt.
Kurz vor Ladenschluss macht er sich persönlich auf den Weg und besucht seinen Vorgänger,  um bei ihm abzukassieren. Viel bringt er nicht mehr ein, der Alte. Doch auf diese Weise hält er ihn von belebteren Plätzen fern, an denen er für Unruhe sorgen könnte, wie es ungerufene Geister so an sich haben. 


III.  Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Wie aber steht es um den Geist der zukünftigen Weihnacht? Der ist zur Zeit auf der Wanderschaft, um sich die Hörner abzustoßen. Als fahrender Geselle erkundet er Handel und Gewerbe. 
Sollte er eines schönen Weihnachtens heimkehren, wird es sich erweisen, ob er einfach in die Fußstapfen des heutigen Geistes treten  wird - oder sich auf alte Überlieferungen besinnt und seine Ansprüche zurück schraubt.
Vielleicht erinnert er sich auch des Geistes der vergangenen Weihnacht und bietet ihm ein Dach über dem Kopf an, damit der Alte nicht bis in alle Ewigkeit auf seinem Stein zu Füßen von Sankt Marien sitzen bleiben muss.

© Karin Rohner 1989/2005




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