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Schokolade
Wenn sie mittags aus der Schule kam,
rannte
sie als erstes
ins Wohnzimmer. Hinter der alten Vitrine, in der Nische
zwischen Ober- und Unterbau,
hatte sie ihre kleine
Naschecke eingerichtet:
Einen Weihnachtsmann aus Vollmilchschokolade, ein paar
bunte
Zuckerkringel und ein rosa Marzipanschweinchen.
"Wann isst du das Zeugs endlich mal?", fragte die Mutter fast
täglich. "Davon, dass du es Wochen und Monate aufhebst,
schmeckt es bestimmt nicht
besser."
Doch darum ging es dem Mädchen nicht. Der Gedanke, diese
süßen Leckereien zu verspeisen, war nicht halb so
verlockend,
wie das
tägliche Betrachten der Naschereien. Selbst der
kleine Bruder,
der
seine
Süßigkeiten spätestens am
2. Weihnachtstag
vertilgt
hatte, und gern auf die Näschereien
der Schwester schielte,
schien
akzeptiert zu
haben, dass
diese Sachen für ihn tabu waren.
So ging der Januar ins Land und das Mädchen machte keine
Anstalten, irgendetwas von seinen Schätzen zu essen. Das
Anschauen wurde
zum täglichen Genuss.
Bis zu jenem 12 Februar. Wie gewohnt lief sie mittags zu
ihrem Versteck
und wäre vor Schreck beinahe umgefallen -
der Platz war leer!
"Wo sind meine Weihnachtssachen?", rief sie - und die Mutter
antwortete: "Die haben dein Bruder und ich geschlachtet!" -
Schlachten
war eine ihrer Redensarten ... Marzipanbrote,
Marzipanschweine und
Weihnachtsmänner wurden nicht
einfach gegessen, sondern ganz
volkstümlich
geschlachtet... -
"Aber das waren doch meine Sachen!", rief das Mädchen
weinend.
"Wir dachten, du magst nicht naschen, nachdem die Sachen
nun Wochen und
Monate hinter dem Schrank lagerten...
Die Schokolade schmeckte schon
ganz muffig... Warum
hebst du die Dinge so lange auf! Da musst du dich
nicht
wundern, wenn sie eines Tages weg sind..."
© Karin Rohner 2005
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