Vorschau


Weihnachtsbuch.Liebes-Gedichte.eu


  Seite 6 von 12 Seiten


 
 
Die Kleine Wasserfrau

ein Märchen von Karin Rohner

Es war einmal eine kleine Wasserfrau, die lebte an den Ufern der Trave. Bei schönem Wetter saß sie stundenlang auf ihrem Quellstein, kämmte ihr blondes Haar und trällerte vor sich hin: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten..." Es sah und hörte sie niemand. Hier draußen sagten sich nicht einmal Fuchs und Hase Gute Nacht.
Manchmal wünschte sie sich an einen Ort, an dem das Leben nicht nur an ihr vorbei plätscherte. Dann stieg sie hinab in den Strudel und schwamm in den eiszeitlichen Höhlen, die die Wasserläufe Schleswig-Holsteins untereinander verbinden.

Früher hatte sie von einer glanzvollen Karriere als Quellnymphe an einem der großen Flüsse geträumt. Leider war dieser Posten mit ständigem Herumreisen zu den Zusammenkünften der Europa-Nixen verbunden. Und sie war viel zu müde, um zwischen den Gebirgsquellen Norwegens, den Gletscherbächen Islands und den Ursprüngen der Ströme des Kontinents hin und her zu pendeln.

Damals, vor über 400 Jahren, in ihrer Unterwasserkinderstube, war die Rede gewesen von schönen, aber treulosen Prinzen und liebeskranken Fischern. Alle Warnungen und Hoffnungen hatten sich als übertrieben erwiesen. Da gab es einmal den Anfang einer Romanze mit einem armen Studenten - und gut 100 Jahre später eine kleine Liaison mit einem französischen Soldaten. Beide hatte eines gemeinsam, sie befanden sich auf der Durchreise.

Vor knapp 50 Jahren hatte man ihr einen Platz als Nymphe an einem der Rhein-Quellflüsse angeboten. Sie scheute den langen Weg rheinaufwärts, durch das trübe Wasser, über tosende Wasserfälle.
Gewiss, sie hätte einen Teil der Wegstrecke über Land zurück legen können. Es ist kein Geheimnis, dass eine Nixe jederzeit den langen Fischschwanz gegen ein paar wohl geformte Beine eintauschen kann, wenn sie sich auf festen Boden begibt. Doch muss sie einen Tribut leisten und große Schmerzen in den ihr ungewohnten Gliedern ertragen. So war unsere kleine Wasserfrau auf ihrem Stein an der Quelle der Trave sitzen geblieben und führte ein rechtes Single-Dasein.

Von Zeit zu Zeit überkam sie die Abenteuerlust. Dann packte sie ihren Muschelkamm, einen Hornspiegel und ein Reserveschuppenkleid ein und schwamm flussabwärts. Es war eine beschwerliche Reise. Immer wieder verfing sie sich in abgestorbenen Wasserpflanzen und steckte bis zum Hals im Schlamm. Die Sicht unter Wasser war miserabel, und sie geriet ständig aus der Puste. Kam sie an die Oberfläche, um nach Luft zu schnappen, fühlte sie sich kein bisschen erfrischt.

Auf einem dieser Ausflüge passierte es dann. Sie befand sich auf dem Weg zum Meer, in Höhe
unserer alten Stadt. Selbst unter Wasser merkte sie, dass hier etwas Besonderes geschah. Sie tauchte auf und horchte. Ein Prickeln befiel sie. Wir Menschen würden es Neugierde nennen.

Wenige hundert Meter trennten sie vom Ort des Geschehens. Ganz in der Nähe musste ein geheimer Wasserarm münden, der den Fluss mit dem Marktbrunnen verband. Sie brauchte eine halbe Stunde, bevor sie den Durchschlupf fand und zwängte sich in die enge Röhre. Keuchend erreichte sie den Fuß des alten Brunnens.
Hier unten staute sich das Wasser. Sie konnte sich vom gröbsten Schlick befreien, bevor sie den Weg nach oben antrat. Die Eisenbügel im Brunnenschacht erwiesen sich als rauh und brüchig, hielten aber dem Gewicht der kleinen Nixe stand.
Sie schob ein paar morsche Bohlen zur Seite und reckte den Hals, um über den Brunnenrand zu schauen.
Da erblickte sie die vielen Menschen. Frauen, Männer, Kinder, mit Schildern, Transparenten und in den merkwürdigsten Verkleidungen.
"Wir müssen endlich damit aufhören, unsere Felder zu überdüngen!", rief eine Frau, die auf einer Holzkiste stand. "Und dann der hohe Verbrauch an Schädlingsbekämpfungsmitteln! Wem nützt er? Dem Hersteller! Allen anderen fügt er nur Schaden zu. Den Tieren in Wald und Feld. Euch, euren Kindern und Enkeln. Sämtliche Gifte gelangen in Flüsse, Seen und ins Meer. Im Grundwasser treffen sich alle wieder. Aus welchem Brunnen sollen unsere Nachkommen einmal trinken?"

Die einzelnen Kostüme wusste die kleine Wasserfrau nicht zu deuten. Nur eins kam ihr bekannt vor. Hatte sich doch ein Menschenkind als Meerjungfrau verkleidet und trug ein Schild vor der Brust, mit der Aufschrift: "Auch ich möchte leben!"
Da fiel es der kleinen Wasserfrau wie Schuppen von den Augen. "Schluss mit der dummen Singerei!", rief sie. "Das konnten andere vor mir viel besser! Und die ständige Kämmerei ist auch für die Katz! Ein Prinz kommt hier nicht vorbei."

Sie warf ihr altes Schuppenkleid ab, tauschte die nutzlose Schwanzflosse gegen ein Paar schlanke Beine ein, flocht und wob sich ein Kleid aus Green Cotten und zog hinfort als Abgesandte von Green Peace durch die Lande.

Zu Anfang schmerzten sie die neuen Beine noch. Doch fiel ihr das Laufen von Tag zu Tag weniger schwer, da sie nicht den Spuren eines Märchenprinzen folgte, sondern ihren eigenen Weg ging. Seit jenem Tag ist ihr Platz an der Travequelle verwaist. Doch hat das außer mir noch keiner bemerkt.

© Karin Rohner 1993/2005

Veröffentlicht im Jahrbuch für Schleswig-
Holstein 1995 und in der Zimtzicke Dez. 1993



winterherz  Seite 7

Seite 6 von 12 Seiten






Weihnachtsbuch - Liebesbuch - Grußkarten-Weihnachten  - Ecards-in-Love  - Impressum - Internet-Weihnachten

Vorschau


Textbereich:

Weihnachtsbuch.Liebes-Gedichte-eu

Weihnachtsgeschichten/Wasserfrau

Copyright © 2007 by
Karin Rohner
Liebesgedichte

Liebeslyrik Top1000