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Wer glaubt noch an den Weihnachtsmann


Ich natürlich! In den Wochen vor Weihnachten, wenn die Dämmerung sich über vierundzwanzig Stunden hinzuziehen scheint, passt er auf, dass ich im Dunklen nicht zu viel munkle. Obwohl er Verbündete haben soll - Knecht Ruprecht für's Grobe - Sankt Nikolaus als Vorhut - für mich ist es ein und derselbe Mann. Gesehen habe ich ihn lange nicht mehr. Doch wenn ich abends durch die weihnachtlich geschmückten Straßen schlendere, spüre ich seinen keuchenden Atem im Genick - er hat es ja immer eilig - und warte auf den Schlag mit der Rute.

Als ich zur Schule kam, wurde ich auf Grund meines Glaubens gehänselt. Es wäre jedoch sehr leichtsinnig  gewesen, nicht an ihn zu glauben. Woher sonst kamen all die Leckereien, die wir in den Adventswochen in unseren Schuhen fanden? Rosinen, Äpfel, Nüsse, ein paar Feigen - den Weihnachtsmann gab es wirklich. Sein einziger Fehler:  Er war schrecklich nachtragend. Erst im Morgengrauen entschied  es sich, ob ich den Tag zuvor artig gewesen war.

Bevor mein kleiner Bruder erwachte, schlich ich barfuß zur Fensterbank und überprüfte die Hausschuhe. Zwei gleich große Teile - der heilige Mann war mit meinem gestrigen  Tag zufrieden. Doch wehe, mein Anteil fiel kleiner aus! Schnell vertauschte ich die beiden Päckchen und huschte zurück ins Bett.

Beim Aufstehen gab es ein böses Erwachen: Er hatte meine Mutter eingeweiht.
"Du hast die Päckchen vertauscht! Das Kleinere ist für dich, weil du gestern wieder mal..." oder auch "wieder mal nicht..."
Gestern - wie lang war das her. Ein halbes Leben. Zu gern hätte ich den Mann mit dem Langzeit-Gedächtnis einmal gefragt, warum er mich so auf dem Kieker hatte.
Lag ich abends im Bett, erblickte ich sein vom Frost gerötetes Gesicht am Fenster. Als er gar eines Tages an die Scheibe klopfte und "ho-ho-ho!" machte, rief ich meine Mutter herbei.
"Das hast du nur geträumt!", sagte sie. Doch das glaube ich bis heute nicht.

Darum lasse ich heute alle Rolläden herunter, sobald der Abend naht. Die Fenster meiner Wohnung sind dreimal so groß, wie die in meinem Elternhaus. Für einen Weihnachtsmann wäre es leicht, mich zu durchschauen, wenn er durch den nächtlichen Garten schliche.
Er muss es ja nicht mitkriegen, dass ich manchmal schlecht gelaunt bin, keine Lust habe, zu Bett zu gehen, bis in den neuen Tag hinein am Computer hocke und häufig meinem Mann widerspreche.
Sonst kriege ich in diesem Jahr womöglich nichts zu Weihnachten!

© Karin Rohner 1989/2005




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